Architecture, Art & Travel

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Der fast perfekte Tag: Am Rande des Wasserfalls

Frühstück
Da im Stadtzentrum von Cairns die Parkplätze am Straßenrand über Nacht nur bis 8:30 Uhr kostenfrei sind, war es ziemlich eindeutig, wann die Reise heute losgehen sollte. Ganz entspannt machte ich mich auf den Weg und holte Carl aus einem anderen Hostel ab. Gemeinsam sind wir zunächst frühstücken gefahren und fanden dafür ein kleines Drive-Through-Café, in dem wir auch bequem sitzen konnten. Bei mir gab es ein warmes, belegtes Croissant und eine Eisschokolade, was gut sättigend war. Jedoch war mir zu viel Eis und Schlagsahne im Getränk, sodass es wie viel aussah, letztendlich aber doch nur eine kleine Süßigkeit war.

Autogespräche
Wir hatten noch etwa eineinhalb Stunden Autofahrt vor uns, in der wir uns besser kennenlernten. Ich war sehr inspiriert, als er mir von seinem Leben auf dem Internat als Regensburger Knabe erzählte und von seiner abenteuerlustigen Mutti, die regelmäßig ihren Urlaub nach Afrika plant. Besonders einfallsreich fand ich deren Geburtstags-Motto-Party zum Thema Hüte, bei der sie schon für die Einladung ein amüsantes Video im 30er-Jahre-Schwarz-Weiß-Stil erstellten.

Heales Lookout
Der Weg führte uns durch die Great Dividing Range, den größten australischen Gebirgszug, der die ganze Ostküste vom Inland trennt. Ich musste mich ziemlich konzentrieren, als wir uns durch die kurvigen Berge des Little Mulgave Nationalparks schlängelten. Beim Heales Lookout machten wir eine kurze Pause, primär um kurz innezuhalten und den Ausblick richtig wahrnehmen zu können. Wir waren mittlerweile relativ weit oben auf dem Berg und hatten einen beeindruckenden Blick über die Bäume hinweg hinunter ins Tal und auf weitere Berge im Hintergrund.

Die letzten Kilometer zu den Windin Falls wirkten schon deutlich verlassener. Wir bogen auf einen schmalen Feldweg ein, der wohl primär von den Anwohnern genutzt wird – zumindest kamen uns zwei Autos blitzschnell entgegen und man sah vereinzelt Farm- und Familienhäuser am Straßenrand. Abschließend ging es wieder in einen Wald hinein, bei dem wir uns wie in den Tropen fühlten.

Ankunft bei den Windin Falls
Beim ersten Schritt aus dem Auto raus überraschte mich ein kalter Windzug. In Cairns zuvor war es mir schon zu heiß gewesen, sodass ich mich in kurze Hose und T-Shirt kleidete. Die kühle Luft hier lag gerade noch angenehm auf meiner Haut, während mein Inneres noch ganz erhitzt war. Doch nach ein paar Metern hatte sich mein Körper wieder akklimatisiert. Wir erwischten genau das passende Wetter für die kleine Wanderung.

Windin Falls Walk
Das Schild am Eingang wies uns darauf hin, dass wir etwas drei Stunden für den 11,5 km langen Hin- und Rückweg einplanen sollten. Die Wanderung wurde auf Grad 4 eingestuft, man sollte also schon Erfahrung im Wandern haben. Ich stellte mich darauf ein, dass wir einen steilen Berg hinauf wandern würden – 300 Höhenmeter hatte ich auf Alltrails gelesen, wobei ich absolut keine Vorstellung davon habe. Vorbereitet war ich also mit den guten Wanderschuhen, zweieinhalb Litern Wasser und Nüssen.

Unterwegs stellte sich heraus, dass mir die Strecke deutlich leichter fiel als erwartet. Anfangs liefen wir durch einen tropisch feuchten Wald mit Lehmboden, der teilweise ziemlich rutschig war. Wir kamen an einer kleinen Lichtung vorbei und standen nach einer Weile in einem eher offenen Eukalyptuswald. Auch der Boden wechselte weiter von stark verwurzelt zu felsenartig. Den orange marmorierten Stein musste ich auch erst anfassen, um sicherzustellen, dass es tatsächlich Stein und kein Lehm mehr war.

Erst auf den letzten hundert Metern wurde es steiler, bis wir ganz oben an einer kleinen Lichtung ankamen. Hier warnten uns gleich zwei Schilder vor dem steilen Abhang und tatsächlich rutschigen Steinen. Jeder Schritt war durchdacht und trotzdem stolperten wir vereinzelt über abknickende Wurzeln und lockere Steine. Glücklicherweise gab es genug Bäume zum Festhalten und wir sind nach gesprächigen, knapp eineinhalb Stunden heil am Wasserfall angekommen.

Windin Falls
Da wir mittlerweile am Ende der Trockensaison sind und die Wasserfälle entsprechend oft weniger bis gar kein Wasser mehr führen, war ich schon skeptisch, ob meine Erwartungen erfüllt werden könnten. Denn was ich zuvor im Internet sah, war unglaublich schön und einzigartig. Schon als wir das Rauschen hören konnten, waren wir etwas erleichtert, dass trotz Trockensaison Wasser fließt. Doch als wir dann ankamen, blieb uns glatt der Atem weg. Es war tatsächlich so unfassbar beeindruckend, wie wir erhofft hatten: ein Infinity-Pool mit Blick hinunter ins Tal – ganz für uns alleine.

Carl ging voran und kletterte zielstrebig an den Felsen entlang und über den Fluss auf die andere Seite. Noch stärker mussten wir aufpassen, nicht abzurutschen und vielleicht ins Wasser zu fallen. Wir schafften es heil rüber und konnten den Wasserfall aus der Nähe bewundern. Das Wasser des oberen Flusses strömte über und durch verschiedene Felssteine, bis es zu einer Kante gelangte, worüber es im freien Fall nach unten plätscherte. Rund einhundert Meter stürzte das Wasser in die Tiefe, in ein kleines Becken, bevor es in einem schmalen Fluss das Tal entlang zwischen den Bergen ins Unbekannte floss. Ein Anblick voller Perfektion. Ich hatte mittlerweile schon einige Wasserfälle gesehen, sowohl solch hohe als auch einen kleinen versteckten mit Infinity-Pool. Doch dieser hier vereinte all die Highlights in einem zauberhaften Ganzen.

Wir setzten uns vorsichtig an den Rand der Klippe und konnten kaum glauben, wo wir hier gelandet waren. Der Himmel war blau und mit Zuckerwatte-Wolken verziert. Hinter uns wärmte uns die Sonne und vor uns wirbelte ein kräftiger Wind immer wieder das Gefühl Wasser zurück in die Höhe auf unsere Haut. Es war warm und angenehm frisch zugleich.

Keiner von uns konnte dem Drang, in Wasser zu springen, widerstehen. Auch dieses Mal ließ ich Carl den Vortritt und kletterte erst nach ihm vorsichtig die Felsen hinunter ins angenehm kühle Becken. Links neben mir der Abgrund und rechts der strömende Fluss, der in die Tiefe springen will. Ich war zerrissen zwischen dem mulmigen Gefühl der Gefahr, die drohte, wenn die Strömung mich in die Tiefe stürzen sollte, und dem unbeschreiblichen Gefühl der Bewunderung, hier in diesem Moment den Wasserfall mit allen Sinnen in mir aufnehmen zu können. Vorsichtig bewegte ich mich über die glitschigen Steine durchs Wasser. Suchte fast panisch nach Halt, als ich abrutschte. Fand zum Glück schnell wieder einen sicheren Stand, während die Strömung mich zum Abgrund drückte. Adrenalin schoss durch meine Adern, während mein Geist es kaum glauben konnte.

Wir kamen langsam zur Entspannung und machten selbstverständlich noch ein paar Fotos, bevor wir vorsichtig wieder rauskletterten. So saßen wir nun da, gewärmt von den aufgeheizten Felsen und erfrischt durch den feuchten Wind. Wir entdeckten immer wieder kleine Regenbögen, während wir aßen, erzählten und den Anblick genossen.

Rückweg
Ewigkeiten zogen ins Land, bevor wir uns langsam wieder auf den Rückweg machten. Dieses Mal gingen wir auf einen vermeintlich einfacheren Weg zurück über den Fluss, der uns jedoch über einen wippenden, maroden Stamm und wackelnde Steine führte. Mit viel Geschick schafften wir es trockenen Fußes auf die andere Seite. Noch ein paar letzte Fotos, bevor es den Berg wieder hochging. Er wirkte steiler und länger als zuvor, sodass mein Herzschlag sich beschleunigte. Doch wir waren schnell wieder auf der Bergspitze und machten uns entspannt über kleine Hügel hinweg zurück zum Auto.

Ungefähr auf halber Strecke hörten wir plötzlich ein Rascheln im Gebüsch. Ein kleines Tier, welches auf den ersten Blick wie ein Igel aussah, saß zwischen Ästen und Blättern am Wegesrand. Es war schreckhaft, als wir etwas näher kamen, sodass wir es aus der Entfernung beobachteten. Als wir ganz leise und ruhig waren, begann es, sich zu bewegen, und zeigte uns sein kleines Gesicht und die schmale lange Nase, die er kurzerhand in den Boden steckte. Nach knapp einem Jahr sah ich nun meinen ersten wilden Ameisenigel (Echidna). Ein weiteres Wunderwerk der Natur: Als eierlegende Säugetiere sind sie nicht mit Igeln verwandt, auch wenn sie sich ähneln. Für mich ein weiteres Highlight, auch wenn Carl sich erhoffte, einen Kasuar zu Augen zu bekommen, nachdem wir sogar Hinweise auf welche fanden.

Kurz vor Ende fing es an, etwas zu nieseln. Das dichte Blätterdach der tropischen Bäume ließ uns dennoch größtenteils trocken am Auto ankommen. Es fühlte sich so surreal an, als ich mir wieder vor Augen führte, wo wir gerade waren, was wir sahen und erlebten, was nun alles nur noch Teil meiner Erinnerung ist.

Eigentlich war der Tag damit bereits perfekt, doch es war erst 16 Uhr und der Tag war noch lang. Ich guckte also, was noch auf unserer Strecke zurück nach Cairns lag, und fand den Curtain Fig Tree, der etwa eine halbe Stunde Fahrt entfernt war. Der Nieselregen hat uns bis dahin zum Glück nicht begleitet.

Curtain Fig Tree
Wir fuhren durch Yangaburra durch und in einen anderen Wald, in dem wohl auch Baumkängurus leben würden, hinein. Der Parkplatz zum Boardwalk war direkt an der Straße. Es war tatsächlich nur ein kleines Stückchen, bis wir den gigantischen Baum entdeckten. Bereits bei der Skyrail-Fahrt von Kuranda hatte mir ein Ranger von dem Baum erzählt. Da die Regenwälder ziemlich dicht bewachsen sind, muss jede Pflanze ihre eigene Strategie entwickeln, um an Sonnenstrahlen zu gelangen. Die Würfelfeige säht sich über den Kot von beispielsweise Fledermäusen oben in die Astgabelungen auf einem Wirtsbaum. Von dort aus wachsen seine Luftwurzeln zum Boden, wo die Feige ihre Nährstoffe rauszieht. Das Namensgebende bei dieser mindestens 500 Jahre alten Feige ist, dass ihr erster Wirtsbaum umkippte und auf einen weiteren Baum fiel. Die Wurzeln der Würgefeige wuchsen so wie ein Vorhang dazwischen zu Boden. Über die Jahrhunderte wurden sie immer dicker und verwoben miteinander, wodurch wir heute diesen dichten Bewuchs vorfinden. Der Baum soll mittlerweile fast 50 Meter hoch sein und sein Umfang sich auf etwa 39 Meter belaufen.*

Ich war überrascht, wie riesig der Baum war, der als einer der größten Bäume im tropischen Queensland gilt. Es war kaum möglich, den Baum vollständig hinter die Linse zu bekommen, schon gar nicht, wenn man dichter kommt. Es war ziemlich ruhig und nur ein paar wenige andere Besucher waren vor Ort. Bei unserem Weg zum Baum hörten wir dann plötzlich ein leises Rascheln neben uns und entdeckten zwei größere Echsen, die sich gerade auf den Baum zu bewegten. Wir hatten ziemlich Glück, denn eine Echse blieb stehen und posierte auf einem Stein direkt vor uns. Als hätte sie das Fotoshooting inszeniert. Es war etwas dunkel und wir konnten auf der Brücke nicht dichter ran gehen, was das Fotografieren erschwerte. Nach mehreren Versuchen klappte es aber doch, das kleine Reptil unverwackelt abzulichten.

Wir beendeten den kleinen Rundweg und machten uns wieder auf den Rückweg. Da wir bei der Hinfahrt ganz in der Nähe einen Schnabeltier-Aussichtspunkt entdeckten, fuhren wir abschließend noch dort ran. Tatsächlich war Carl dort jedoch zuerst von den Kühen abgelenkt, die ihm aber nur wenig Aufmerksamkeit schenken wollten.

Yungaburra Platypus Viewing Platform
Bei der Aussichtsplattform angekommen, begegneten wir einer kleinen Familie, die wohl schon seit 15 Minuten dort guckte und bereits dreimal eins gesehen hätte. Wir setzten uns also dazu und suchten ganz gespannt, wann denn das nächste auftauchen würde. Für mich als ziemlich ungeduldigen Menschen eine kleine Herausforderung. Als wir nach einer kurzen Weile (lass es 5 oder 10 Minuten gewesen sein) noch immer keine sahen, aber stattdessen Leute auf der anderen Seite des Flusses, sind wir auch rübergegangen.

Tatsächlich tauchte genau in dem Moment, als wir drüben ankamen, ein Schnabeltier auf, welches gerade zur Brücke schwamm. Es wirkte größer, als ich es vom letzten Mal in Erinnerung hatte. Ich war fasziniert davon, wie lange es dieses Mal an der Oberfläche schwamm. Leider war es auch dort ziemlich dunkel zum Fotografieren, somit speicherte ich die Erinnerung nur für mich ab. Wir gingen noch etwas weiter, setzten uns aufs Grün und warteten gespannt auf die nächsten Schnabeltiere. Gemeinerweise meinten sie, teils nur Bläschen zu machen, ohne aufzutauchen. Doch mit etwas mehr Ausdauer bekamen wir sie tatsächlich noch öfter zu sehen.

Während wir da so gemütlich saßen, hörte ich plötzlich wieder ein lautes Rascheln. Irgendwas bahnte sich lautstark den Weg ins Wasser. Als ich mich zu dem Geräusch drehte, sah ich etwas Schnelles, Langes, Dunkles, was gerade hinter einem Baum und vielleicht im Wasser verschwand. Ich tippte auf eine riesige Schlange, mindestens einen Meter lang, doch sie war zu schnell weg und ich konnte sie nicht richtig erkennen. Niemand anders sah es, sodass ich wohl nie erfahren werde, was es tatsächlich war.

Heimweg
Kurz darauf hatten wir ausreichend Schnabeltiere gesehen und machten uns wieder auf den Rückweg, um nun auch zurück nach Cairns zu fahren. Es war noch hell, als ich mich ans Steuer setzte. Ready-to-go steckte ich wie immer den Schlüssel in die Zündung, stellte den Gang ein und drehte den Schlüssel. Doch komischerweise wollte der Wagen nicht anspringen. Ich versuchte es nochmal, schließlich spürte und hörte ich, wie meine Nessi ihr Bestes gibt. Meine Blicke wanderten verwirrt und besorgt durch die Gegend. Hatte ich vielleicht ein Licht vergessen? War meine Batterie leer? Ich entdeckte andere, die gerade ins Auto stiegen und losfahren wollten, und fragte sie, ob sie mir kurz eine Starterhilfe geben könnten. Da ich umgeräumt hatte, musste ich etwas überlegen, bis mir wieder einfiel, wo ich das Starterkabel hingelegt hatte. Zumindest dieses Mal nicht wieder beim Ersatzreifen, sodass ich nicht den ganzen Kofferraum leer räumen musste.

Selbst hatte ich wenig Ahnung, wie das mit dem Starterkabel funktioniert, also ließ ich die Männer machen. Das andere Auto fuhr etwas dichter und die beiden Batterien wurden verbunden. Doch auch als das stromgebende Auto seine Drehzahlen erhöhte, wollte mein Wagen nicht anspringen. Wir waren ratlos, also rief ich RAA (meinen Road Side Assistent) an, den australischen ADAC, wenn man so will. Ich schilderte das Problem und sie schickte jemanden los, der in etwa einer Stunde kommen sollte.

Abendessen
Mein Magen knurrte, doch glücklicherweise war kurz neben uns ein Restaurant. Mit ausreichend Zeit gingen wir also doch noch hier essen. Zunächst saßen wir weiter von der Bar entfernt. Da nach einer Weile noch immer keiner kam, um uns überhaupt Karten zu bringen, stand das ungeduldige Ich auf und holte uns welche. Wir brauchten nicht lange, um uns etwas auszusuchen, sodass wir wieder auf die Kellnerin warteten, während wir uns von ChatGBT sagen ließen, was das Problem mit meinem Auto sein könnte. Irgendwann beschloss ich, doch den Platz zu wechseln, schließlich war es dichter an der Bar auch etwas ruhiger. Wir gaben unsere Bestellung auf. Carl wählte eine einfache Peperoni-Pizza und Cola, während es bei mir die Yangaburra-Pizza (Gorgonzola, Kürbis, Peperoni) und Orangensaft geben sollte. Ich liebe es, Neues auszuprobieren. Tatsächlich war die Kombination auch überraschend gut. Die Peperoni war zwar etwas scharf, aber der Gorgonzola-Käse war nicht zu übergreifend und harmonierte gut mit dem milden Kürbis.

Als wir das Restaurant verließen, war es draußen bereits dunkel und die Stunde vorbei. Ich rief nochmal beim RAA an und sie stellte fest, dass das Werkstattauto noch bei einem anderen Einsatz war, aber in knapp einer halben Stunde bei uns sein sollte. Dass die Pannenhilfe uns so spät doch nicht mehr helfen konnte und ein ganz neues Abenteuer auf mich wartete, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Fortsetzung folgt
Wie es mit meiner Nessi weitergeht, erfährst du im nächsten Artikel.

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